Direkt zum Inhalt
News vom

KI-Qualität als Wettbewerbsvorteil: Hendrik Reese über das Versprechen des Qualitätsstandards

Foto: Stefan Wieland

Künstliche Intelligenz entwickelt sich von Assistenzsystemen zu autonomen Agenten. Damit verändern sich auch die Anforderungen an Qualität: Anbieter müssen zeigen können, dass ihre Systeme steuerbar und transparent sind. Anwender brauchen belastbare Kriterien für Investitionsentscheidungen. Der MISSION KI Qualitätsstandard liefert beiden Seiten erstmals ein gemeinsames Rahmenwerk.

Maßgeblich entwickelt wurde der Standard von PwC Deutschland. Im Gespräch erläutert Projektleiter Hendrik Reese, warum Qualität über Markterfolg entscheidet und wie Unternehmen davon profitieren, wenn Vertrauen nicht nur behauptet, sondern nachgewiesen werden kann.

Herr Reese, PwC hat die Entwicklung des MISSION KI-Qualitätsstandards angeleitet. Was war der zentrale Antrieb hinter diesem Vorhaben und was ist sein Versprechen an die deutsche Wirtschaft?

Der zentrale Antrieb war, einen europäischen Innovationsstandard zu schaffen, die Wettbewerbsfähigkeit und Vertrauen miteinander verbindet - und Deutschland wieder in die Lage versetzt, technologische Führungspositionen aktiv zu gestalten. Wir wollten ein Framework, das es Unternehmen ermöglicht, KI-Systeme schnell, sicher und skalierbar einzusetzen, ohne ständig zwischen Innovation und Risiko abwägen zu müssen. Das Versprechen lautet: Durch Qualität entsteht Geschwindigkeit – und damit ein strategischer Vorteil für die deutsche Wirtschaft im globalen KI-Wettbewerb.

Wie wird aus KI-Qualität konkret ein geschäftlicher Vorteil für Anbieter, die ihre Lösungen verkaufen wollen?

Für Anbieter wird KI-Qualität zu einem Wachstumshebel, weil sie nicht mehr nur Features, sondern Vertrauen in komplexe, zunehmend agentische Systeme verkaufen, wenn sie wirklich skalieren wollen. Unternehmen, die Qualität operationalisieren, senken die Einstiegskosten für ihre Kund:innen, reduzieren deren Risikoexposition und beschleunigen damit Kaufentscheidungen. KI-Qualität schafft so eine neue Art von Produktversprechen: Leistungsfähigkeit plus Verantwortung – ein USP, der sich in globalen Märkten durchsetzt.

Und die andere Seite: Wie kann der Qualitätsstandard Unternehmen dabei helfen, bessere Kauf- und Investitionsentscheidungen zu treffen, und Fehlentscheidungen zu vermeiden?

Unternehmen erhalten mit dem Standard erstmals ein strukturiertes, innovationsfreundliches Verfahren, um KI-Lösungen objektiv zu bewerten, auch wenn diese hochkomplex, multimodal oder agentisch sind. Investitionsentscheidungen können dadurch entlang von Reifegraden, Risiken und Governance-Fähigkeit getroffen werden, statt auf Basis von Marketing oder Bauchgefühl. Das reduziert Fehlkäufe, erhöht die Adaptionsgeschwindigkeit und professionalisiert den Technologieeinsatz insbesondere im Mittelstand.

Vertrauen ist das große Schlagwort. Was heißt es für Sie als Berater, wenn Vertrauen tatsächlich nachgewiesen werden kann?

Nachgewiesenes Vertrauen bedeutet, dass Innovation nicht mehr durch Unsicherheit gebremst wird, sondern durch Governance beschleunigt werden kann. Wenn Unternehmen zeigen können, dass ihre KI-Systeme steuerbar, transparent und widerstandsfähig sind, entsteht ein verlässliches Fundament für disruptive Anwendungen – bis hin zu Agentic-AI-Szenarien. Vertrauen wird so zu einer ökonomischen Ressource: Es erlaubt Unternehmen, schneller und mutiger zu innovieren.

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, KI-Qualität als strategischen Vorteil zu begreifen?

Wir stehen an einem historischen Wendepunkt: KI entwickelt sich von Assistenzsystemen zu autonomen, handelnden Agenten – und diese Systeme erzeugen völlig neue strategische Abhängigkeiten. Qualität wird dadurch nicht mehr zum Compliance-Thema, sondern zum zentralen Produkt- und Geschäftsmodellmerkmal. Wer jetzt in KI-Qualität investiert, schafft die Grundlage für skalierbare Innovation, neue Geschäftsmodelle, internationale Anschlussfähigkeit und regulatorische Zukunftssicherheit.

Wie fügt sich der Standard in das europäische Regulierungsumfeld (AI Act, Normung) ein - und welche Lücken schließt er?

Der Standard verbindet die regulatorische Logik des AI Acts mit der Innovationslogik der Unternehmen und schließt genau jene Lücke, die Europa bisher hatte: operative Umsetzung. Er liefert eine Basis für ein Governance-Modell, das Anforderungen dynamisch und technologieoffen interpretierbar macht - auch für neue, agentische KI-Formen. Damit wird Europa handlungsfähig, bevor die Märkte davonlaufen.

Sie haben den Standard während der GenAI-Revolution entwickelt. Was war die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war, einen Standard zu schaffen, der nicht hinter den technologischen Entwicklungen herläuft, sondern sie antizipiert. GenAI und Agentic-AI verändern die Logik von Risiko, Steuerung und Wertschöpfung fundamental: klassische KI-Kriterien greifen hier nicht mehr vollumfänglich. Wir haben daher eine Architektur entwickelt, die über horizontale Kriterien kontinuierliche Innovation ermöglicht und zugleich robuste Governance sicherstellt – und schlussendlich anschlussfähig und erweiterbar für neue Technologien ist.

Welche typischen Hürden sehen Sie bei Unternehmen, die KI verantwortungsvoll einsetzen wollen – und wie hilft der Standard, diese zu überwinden?

Die größten Hürden liegen nicht in der Technologie, sondern in fehlenden Governance-Architekturen, unklaren Verantwortungen und mangelnder Skalierbarkeit. Unternehmen wissen oft nicht, wie sie Geschwindigkeit, Kontrolle und Innovation gleichzeitig organisieren sollen. Der Standard bietet ihnen eine modulare, sofort einsetzbare Blaupause, die diese Konflikte auflöst – und damit den sicheren Weg in agentische, hochautomatisierte KI-Ökosysteme eröffnet.

Weitere News